Gedanken:

Gedanken über Kindesmissbrauch? Eigentlich ein Widerspruch in sich. Kindesmissbrauch ist etwas so hässliches und abscheuerregendes, dass eigentlich nur Täter überhaupt daran denken wollen. Für normale Menschen ist es unvorstellbar, dass Erwachsene Kinder sexuell missbrauchen. Das kann es nicht geben. Das passt nicht in das Bild der "Menschlichkeit" hinein. Und deshalb wollen die meisten Menschen nicht an Missbrauch denken, oder darüber nachdenken.

Wir müssen uns jedoch darüber Gedanken machen, um der Opfer willen. Denn Kindesmissbrauch ist ein schweres Verbrechen. Die Täter nutzen das Vertrauen von Kindern für ihre Zwecke aus. Sie wissen genau, dass sie den Kindern emotional, körperlich und seelisch überlegen sind. Und sie nutzen diese Überlegenheit über die Kinder aus, um sie zu missbrauchen.

Kinder, die missbraucht werden, dürfen keine Kinder sein. Sie sind kleine "Erwachsene", denen mehr Last auf die Schultern gelegt wird, als viele Erwachsene je tragen müssen. Sie werden durch das Verbrechen systematisch zerstört und ihrer kindlichen Rechte beraubt. Im Prinzip dürfen sie weder Kind noch Erwachsene sein. Sie werden benutzt, so wie es dem Täter gerade gefällt; sie müssen sich fügen, müssen gehorchen, müssen funktionieren. Und vor allem müssen sie schweigen! Der Täter weiß genau, dass das was er tut ein Verbrechen ist, und das Schweigen der Opfer wird mit allen Mitteln erzwungen.

Ist das Kind erwachsen, kämpft es Tag für Tag mit den Folgen des Erlebten. Nicht zu Unrecht nennen die erwachsenen Opfer sich selbst "Überlebende" - weil sie schreckliche Dinge überlebt haben. Lernen die Opfer, über all das Erlebte zu reden, müssen sie sich mit der Unwissenheit und der Ohnmacht unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Überlebende werden oft als Lügner, Simulanten, ja sogar als Täter hingestellt.

Vorurteile, Manipulation, Angst, Scham, Schuldgefühle, Depression, körperliche und seelische Krankheiten - das alles und vieles mehr macht es den Opfern meist unmöglich, das vom Täter auferlegte Schweigen zu brechen. Aber ohne darüber zu reden kann keine differenzierte Aufklärung der Gesellschaft über Kindesmissbrauch stattfinden. Und ohne die Aufklärung von Kindern, Frauen und Männern - den Menschen die unsere Gemeinschaft ausmachen - können wir den weiteren sexuellen Missbrauch an Kindern nicht verhindern.

 

 

Den Tätertypus gibt es nicht

Es gibt keine "äußeren Erscheinungsmerkmale", an denen man Menschen erkennt, die Mädchen und Jungen sexuell missbrauchen. In 80 bis 90 Prozent der Fälle werden Missbrauchshandlungen an Kindern durch männliche Täter begangen. Auch Frauen üben sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen aus, allerdings seltener.

Die Täterinnen und Täter kommen aus jeder sozialen Schicht, unabhängig vom kulturellen Hintergrund, von Hautfarbe oder Bildungsstand. Es sind meist Menschen aus dem nahen Umfeld der Opfer.

Macht auszuüben und die eigene Macht über andere zu spüren ist ein zentraler Beweggrund für die Täterinnen und Täter bei sexuellem Missbrauch. Sie nutzen dabei immer ein bestehendes Machtgefälle zwischen ihnen und dem Opfer aus.

Ein Drittel der Täter sind Jugendliche

Nach heutigen Erkenntnissen werden rund ein Drittel aller Fälle von sexuellem Missbrauch von kindlichen und jugendlichen Tätern begangen. Viele erwachsene Täter haben als Jugendliche bereits erste Übergriffe verübt. Das bedeutet, dass Gegenmassnahmen schon sehr früh einsetzen müssen. Dabei ist es nicht mit der Verhängung von Strafmassnahmen getan. Wirkungsvoller und notwendiger gerade bei jüngeren Tätern ist die gezielte Ansprache und die pädagogische und oder therapeutische Betreuung zur Entwicklung von Verantwortungsübernahme und anderer Umgehensweisen.

Langsame Annäherung  gezielte Planung

Sexuelle Gewalt an Kindern geschieht selten spontan, sondern ist "von langer Hand geplant". Die Täterinnen und Täter knüpfen schon im Vorfeld ein immer engeres Beziehungsgeflecht, in das sie ihre zukünftigen Opfer verstricken. Sie suchen beispielsweise Kontakt zu den Eltern des Opfers und seiner Familie, versuchen Vertrauen zu gewinnen und dadurch dem Kind nahe zu kommen. Die Täterinnen und Täter wissen, dass es ihr bester Schutz ist, wenn niemand sich vorstellen kann, dass gerade dieser sympathische Mann oder diese nette Frau zu "so etwas" fähig sein soll.

Falls das Kind dann doch etwas erzählen sollte, ist die Chance, dass ihm geglaubt wird, besonders gering. Die Täterinnen und Täter tun stets ihr Bestes, um ein positives Bild von sich aufzubauen. Manche arbeiten in sozialen, medizinischen, kirchlichen oder betreuenden Einrichtungen und nutzen ihre berufliche Machtstellung sowie den dadurch bedingten Vertrauensvorschuss der Eltern aus.

Schrittweise Annäherung

Die Täterinnen und Täter suchen gezielt nach Möglichkeiten, viel Zeit mit Kindern zu verbringen. Sie studieren ihre Vorlieben, Verhaltensweisen und Probleme sehr genau.

So können sie geschickt das wegen des Altersunterschieds sowieso bestehende Machtgefälle zwischen sich und dem Kind weiter vergrößern und vielfältige Abhängigkeiten schaffen zum Beispiel durch Geschenke, emotionale Zuwendung, besondere Bevorzugung, kleine gemeinsame Geheimnisse). Die Täterinnen und Täter überschreiten die Grenzen des Kindes Schritt für Schritt, z.B. mit kleinen Tests, und beobachten die Reaktion. So können sie herausfinden, welches Kind sich am wenigsten wehrt.

Die Opfer sollen schweigen

Wesentlicher Teil der Täterstrategie ist es, dass das Opfer schweigt. Um das sicherzustellen, wenden die Täter mannigfaltige Erpressungsmethoden an, zum Beispiel: "Wenn Du es deinen Eltern erzählst, werden sie ganz böse werden, dass du das mit mir machst". Dabei spekulieren die Täter auf die besondere Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern und die Angst davor, diese zu verlieren oder von ihnen bestraft zu werden.

Sie vermitteln den Kindern Schuldgefühle und schieben ihnen die Verantwortung für den Missbrauch zu. Aus diesen Verstrickungen können besonders kindliche Opfer schwer ausbrechen.

Auch Jungen werden Opfer sexualisierter Gewalt

Dass auch Jungen Opfer sexueller Gewalt werden können, war lange nicht hinreichend bekannt. Heute bekommt dieses Thema mehr Aufmerksamkeit. Dies ist auch aus dem Grunde wichtig, weil Jungen und männliche Jugendliche sich besonders schwer damit tun, sich als Opfer zu offenbaren.

Gerade betroffene Jungen

haben Angst, schwul zu sein oder als schwul zu gelten, da die meisten Täter auch hier männliche Jugendliche oder Männer sind. Häufig wird unter Jungen das Wort schwul als Schimpfwort und zu massiver Abwertung benutzt. meinen, sie tragen die Verantwortung für die Tat(en). Sie seien also selbst schuld, weil sie sich nicht ausreichend gewehrt hätten. haben die Vorstellung, dass sie in Beratungsstellen auf Menschen treffen, die von ihnen verlangen, dass sie ihr Innerstes nach außen kehren. Sie haben Angst, dadurch wehrlos und schwach zu wirken.

Wodurch fallen betroffene Jungen auf?

Die meisten Jungen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, fallen zunächst nicht auf. Viele werden still und ziehen sich zurück. Doch dieses Signal wird meist nicht verstanden.

Jungen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, werden häufig nur dann beachtet, wenn sie massiv aggressiv werden oder durch Übergriffe Aufmerksamkeit wecken (Mädchen an die Brust / an die Genitalien greifen, Jungen an die Hoden fassen, Mädchen oder schwächere Jungen vergewaltigen).

Manche Jungen arbeiten also erlebte sexuelle Gewalt auf (der Fachbegriff dafür ist Reinszenisierung), indem sie in die Täterrolle schlüpfen. Dieser Fall tritt allerdings nicht zwangsläufig ein. Sind die auffälligen Jungen aber noch sehr jung, liegt die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie Erlebtes auf diesem Weg verarbeiten.

Jungen müssen in diesem Fall unbedingt Hilfe erhalten. Dies heißt nicht, dass man ihre Taten entschuldigt oder bagatellisiert. Die Grenzen sind dort klar zu ziehen, wo Jungen deutlich "Täterverhalten" zeigen.

Warum werden vor allem Mädchen Opfer ?

Etwa drei Viertel der Opfer sexueller Gewalt sind Mädchen. Gerade Mädchen, die sich sehr brav verhalten, sind gefährdet. Sie erscheinen als "bequeme Opfer", weil sie keine Widerworte machen, weil sie gelernt haben, leise, freundlich und fügsam zu sein. Man hat ihnen nicht beigebracht, für sich selbst einzutreten oder "Nein" zu sagen, sich zu wehren oder eine Szene zu machen.

Der hohe Anteil weiblicher Opfer erklärt sich auch dadurch, dass Grenzüberschreitungen, die zumeist Männer bei Mädchen und Frauen begehen, noch heute häufig akzeptiert werden.

Ein "Nein" von Frauen und Mädchen zählt nicht viel, wird im Gegenteil immer noch häufig von Männern als "eigentlich Ja" umgedeutet oder ganz übergangen. Noch schwieriger hat es ein kleines Mädchen, das vielleicht noch nicht einmal ein "Nein" aussprechen kann. Hier haben die Täter leichtes Spiel. Für sie ist dieses Mädchen ein verfügbares "kleines Püppchen", eine "kleine Prinzessin", die für eigene sexuelle und andere Bedürfnisse nach Belieben benutzt werden kann.

Offensichtlich ist, dass in Teilen unserer Gesellschaft noch immer ein Machtungleichgewicht zuungunsten von Frauen und Mädchen herrscht. Das hieraus entstehende Machtgefälle ermöglicht Machtmissbrauch, der sich in Form von sexualisierter Gewalt äußern kann.

Wie können Kinder gestärkt werden, um nicht als potenzielle Opfer zu erscheinen?

Mütter und Väter, überhaupt jeder Erwachsene kann viel dazu beitragen, Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt zu schützen. Dies fängt schon bei der Erziehungshaltung an. Basis jeder Vorbeugung ist, Kinder mit ihren jeweiligen Eigenheiten, ihrem eigenen Willen und ihrem Wunsch auf Selbstbestimmtheit ernst zu nehmen. Schließlich weiß man heute, dass Mädchen und Jungen, die ein starkes Selbstbewusstsein mitbringen und sich schon gegen kleinere sexuelle Übergriffe zur Wehr setzen, aus Tätersicht keine geeigneten Opfer sind.

Anders sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus, die erste Grenzverletzungen stillschweigend und beschämt hinnehmen. In solchen Fällen fühlen sich Täterinnen und Täter herausgefordert und steigern das Ausmaß sexueller Gewalt immer mehr.

Ganz wichtig daher: Eltern sollten ihre Kinder darin bestärken, ihre individuellen Grenzen zu ziehen: Sie sollten sich auch bei scheinbar unwichtigen Angelegenheiten wehren dürfen - das kann schon das ungewollte Küsschen der Tante sein.

Wie können speziell Mädchen unterstützt werden? Eltern sollten ihrer Tochter vermitteln, dass sie ernst genommen wird und dass man ihr etwas zutraut. Sie braucht von beiden Elternteilen Anerkennung und Unterstützung, als eigene Persönlichkeit mit ihren ganz spezifischen Fähigkeiten und nicht nur weil sie süss und brav oder attraktiv ist. Sie soll wissen: Mädchen sind nicht dazu da, diverse Bedürfnisse von Männern zu erfüllen.

Da sich ein Mädchen in erster Linie am Verhalten der Mutter orientiert, ist es entscheidend, wie selbstbewusst die Mutter als Frau auftritt und wie deutlich sie ihre eigenen Grenzen zieht. Mütter sollten Mädchen dazu ermutigen, über ihren Körper selbst zu bestimmen.

Väter wiederum müssen im Kontakt mit ihrer Tochter sensibel Signale wahrnehmen. Hierzu gehören nicht nur ein verbales "Nein", sondern auch andere, durch Körpersprache ausgedrückte Abwehrhaltungen.

Wo kann Vorbeugung bei Jungen ansetzen? Jungen und männliche Jugendliche brauchen greifbare männliche Bezugspersonen: engagierte Väter, männliche Erzieher in der Vorschule oder Grundschullehrer, die ihnen als positive Vorbilder soziale Werte und Umgangsformen vorleben.

Viele Jungen werden erzieherisch immer noch intuitiv in männliche Rollenmuster gedrängt. Dabei leiden Jungen unter dem Anspruch, immer stark sein zu müssen. Für sie sind emotionale und körperliche Zuwendung genauso wichtig wie für Mädchen.

Wichtig ist es, ihnen zu vermitteln, dass auch sie sich schwach zeigen, Ängste formulieren und Hilfe annehmen dürfen. Jungen sind hier oft besonders zurückhaltend.